MONDAY, NOVEMBER 20, 2017

Indianer Gestern und Heute

Aus der Ferne sehen die Zelte der Lakota aus wie Zuckerhütchen. Hell leuchten sie im gleißenden Licht des Sommertages, irgendwo an einem Fluß in den nördlichen Prärien des Mittelwestens. Direkt neben den Tipis sind einzelne Pferde angepflockt, die Lieblingstiere der Jäger und Krieger. Ein wenig weiter weg vom Camp grast der große Rest der Pony-Herde. Die Tiere werden von halbwüchsigen Jungen bewacht. Schon im Alter von fünf oder sechs Jahren haben sie gelern, mit den Pferden unzugehen. Nicht nur reiten können sie, sondern auch im vollen Galopp Gegenstände vom Boden aufheben und mit Pfeil und Bogen Ziele treffen. Später, wenn die Jungen älter sind, werden sie (ebenso wie die Mädchen) ein kleines Pony bekommen. Mit einer kleinen Tragschleppe, auf der sie während der Wanderung des Stammes ihr Eigentum transportieren können.

Indianer-musiziertBaby Vom Fluß her dringen helle Schreie zu den Zelten herüber. Jungen und Mädchen springen und spritzen im Wasser herum, kreischen vor Vergnügen. Andere Kinder toben am Ufer mit einem Hund oder treiben Weidenreifen vor sich her. Mädchen spielen mit grobgeschnitzten Puppen. Die Allerjüngsten des Stammes stecken noch in ihren “Cradle boards”, köcherähnlichen Tragen, die mit einer Windel aus Moos ausgelegt ist.

Die Kindererziehung war bei den Prärie-Indianern eine Verbindung von Nachsicht und strenger Disziplin. Die Indianer schalten oder züchtigten ihre Kinder selbst wegen ernster Untaten nur selten, sondern ermahnten sie nur, würdevoll, bescheiden, rein und ehrlich zu sein. Die Kleinkinder wurden in den gepolsterten Tragen von ihrer Mutter auf dem Rücken überallhin getragen – was vielleicht erklärt, wieso die Indianer nach Meinung vieler Beobachter die schönste Haltung der Welt hatten. Das Kind saß aufrecht im Körbchen, und da dieses sich am Rücken der Mutter befand oder an einem Ast aufgehängt wurde, konnte das Indianerbaby das alltägliche Leben von einem höheren Punkt aus beobachten als unsere Kinder, die entweder in einem Bettchen liegen oder auf dem Boden kriechen. Die Tragkörbchen waren mit Glasperlen, Häuten und Quasten geschmückt.

Die Cheyenne Indianer zum Beispiel duldeten aber selbst bei den kleinsten Kindern kein Schreien. Ein schreiendes Baby war nicht nur lästig, sondern auch gefährlich, weil sein Schreien dem Feind die Position des Lagers verraten konnte.
Cheyenne-Boy Schon in frühester Jugend wurden die Kinder angehalten, sich so zu benehmen, daß sie ihren Eltern nicht zur Last fielen. Bis zur Pupertät waren die Kinder stets in Begleitung von Erwachsenen. Immer war da ein Älterer oder ein Großvater, der sie stundenlang in den Stammessitten und -mythen unterwies, ihnen von der Entstehung der Welt und von den Abenteuern von Coyotes erzählte.

Ein Junge ging auf seine erste Büffeljagd, bevor er vierzehn Jahre alt war, und wenn er einen Büffel erlegte, veranstaltete der stolze Vater ein Fest für seine Freunde oder schenkte, wenn er wohlhabend war, einer armen Familie ein Pferd.

Bei Mädchen wurde die erste Menstruation vom Vater öffentlich bekanntgegeben; er war so stolz auf seine Tochter wie auf den Sohn, wenn dieser zum erstenmal auf Jagd ging, und sie verbrachte lange Zeit in einer besonderen Hütte mit einer Großmutter, die sie mit Rauch von Wacholder, Salbei oder Süßgras rein machte.

IndianerinnenÜbrigens hatten die Prärie-Indianer unterschiedliche Vorstellungen von Keuchheit. Die Frauen der Cheyenne und der Apachen waren für ihre Keuchheit bekannt, bei anderen Stämmen aber galt Jungfräulichkeit als etwas völlig Absurdes. Vorehelicher Verkehr wurde mit Gelassenheit hingenommen, als eine Gelegenheit für die Mädchen wie für die jungen Männer, sich auszutoben, bevor sie in den Ehestand traten, der überaus Ernst genommen wurde.

Viele der Ratschläge von Müttern und Großmüttern, die die Mädchen ihre Freier behandeln sollten, klingen sehr vertraut. Cheyennemädchen z.B. trugen Keuschheitsgürtel aus Lederriemen, und sie wurden ermahnt, den Gürtel anzuziehen, wenn sie sich mit einem jungen Mann trafen. Man prägte ihnen auch ein, daß, wenn sie einem Mann, der offenkundig nicht ans Heiraten dachte, zu viele Freiheiten gewährte, ihr Ruf darunter leiden müßte, weil der Mann sich seiner Erfolge rühmen würde.

“Nimm einen Heiratsantrag nicht gleich beim ersten Mal an. Aber wenn der Mann in der Nacht kommt und auf seiner Elchpfeife Lieder für dich spielt, lach ihn nicht aus. Das wäre eine Beleidigung seiner Gefühle, und er würde dich für dumm und unwissend halten.”

Arrangierte Ehen waren recht häufig, wenngleich die meisten Mädchen den Mann ihrer Wahl heirateten. Die Gründe für arrangierte Ehen waren gewöhnlich materieller Natur. Die Eltern der jungen Leute erörterten die geplante Heirat lang und breit.
Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern waren im allgemeinen freundlich und zwanglos, aber die Männer waren die unbestrittenen Herren im Haus. Außer den Haushaltspflichten verrichteten die Frauen auch schwere Arbeiten wie Brennholzsammeln. Sie unternahmen tagelange Expeditionen, um Prärierüben oder verschiedene Wurzeln auszugraben, und lauerten manchmal den von der Jagd oder aus dem Krieg zurückkehrenden Männern auf, um sie zum Scherz mit Erdklumpen und Büffelmist zu bewerfen.

Mehrere Frauen hängen dünngeschnittenes Fleisch zum Trocknen über Weidengerüste. An einem Dreibein hängt ein Kupfertopf über einem kleinen Feuer. In seiner Nähe riecht es streng – das Brennmaterial besteht aus getrockneten Büffelfladen.
Eine Brühe mit dicken Fleischbrocken, Fett und Innereien kocht hier vor sich hin. Gewürzt mit wildem Lauch, freiwachsender Sellerie und ein paar kostbaren Körnchen Salz – auf verschlungenen Handelswegen ist es zu den Lakota gekommen.

Wer Hunger hat, nimmt sich und ißt – es gibt keine festgesetzten Zeiten, zu denen man ein gemeinsames Mahl einnimmt. Ein paar ältere Männer sizen im Schatten ihrer Tipis. Sie schnitzen Pfeile, Bögen, Lanzenschäfte. Die jüngeren hocken im Kreis und palavern.

Die Öffnung aller Tipis weisen nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Die Einrichtung ist kärglich, aber zweckmäßig. Am äußeren Rand liegen die Büffelfelle, sie werden als Unter- und Zudecken für die Nacht genutzt. Darüber hängen mit Glasperlen bestickte Lederschärpen, Federschmuck, gefärbte Pferdehaare, Trotteln, eine Büffelklaue. Von einem der Zeltpfähle baumelt der aus einem Büffelmagen gefertigte Wassersack. Daneben hängen ein Beutel mit Pfeilen sowie verschiedene Ledersäcke mit Vorräten. Als Sitze dienen Büffelfellstücke mit geflochtenen Rückenlehnen.

“Herr im Zelt” ist immer eine Frau. Ihr gehört das Tipi mit seinem gesamten Inhalt – außer den Waffen und der Medizin ihres Mannes. Beschließt der Rat eine Veränderung des Lager-Standplatzes, haben die Indianerinnen die Aufgabe, ihre Zelte abzubauen und sie auf Trageschleppen zu verladen. Der Abbau geht schnell, und die Tipis lassen sich ebenso einfach ohne männliche Hilfe wieder aufbauen. Sie konnte, wann immer sie wollte, zu ihrer Familie zurückziehen.
Bei den Stämmen herrschte ständiger Männermangel infolge der Verluste bei der Büffeljagd und in den endlosen Kriegen.

Innerhalb der Stämme gab es zahlreiche Vereinigungen wie etwa Tabakbünde, Wolfsbünde und ähnliche; sie befaßten sich mit Krieg, Jagd, Kundschaftertätigkeit und anderen spezifisch männlichen Aktivitäten. die Frauen bildeten Gruppen, die auf Schneidern, Gerben und Putzmachen spezialisiert waren. Während der Sommerlager war das Leben ebenso aufregend wie gefährlich. Die Indianer waren leidenschaftliche Spieler und spielten eine Art Schlagball (Lacrosse), bei dem es alljährlich eine Anzahl von Knochenbrüchen gab.

Man tauschte mit Verwandten Erinnerungen aus, prahlte mit Heldentaten im Krieg oder auf der Jagd und bereitete die jungen Männer für den Sonnentanz oder die Visionssuche vor. Es gab kaum eine Obrigkeit außer den Ältestenräten, die Entscheidungen trafen, und den Häuptlingen, die die einzelnen Gruppen anführten.

Während der Sommerlager inszenierten die Tanz- und Festvereine ihre Veranstaltungen. Einige dieser Vereine bestanden nur aus zwei oder drei Männern, die daraufgekommen waren, daß sie in ihrer Jugend die gleiche Vision gehabt hatten, die sie alljählich feiern wollten – so etwas wie eine Künstlergruppe, die sich für eine Silvesterfeier zusammenschließt.

Bei den Schwarzfuß-Indianern und den Mandans hing der gesellschaftliche Rang vom Alter und von der Funktion ab. Jeder hatte seinen Platz in irgendeiner Gruppe. Bei den Schwarzfuß-Indianern wurden homosexuelle Männer in Frauengruppen aufgenommen, wo sie Häute verzierten und Decken anfertigten. Sie durften Frauenkleider tragen und Frauenarbeit verrichten, etwa Brennholz und Kräuter sammeln. Man brachte den Homosexuellen Ehrfurcht entgegen; sie galten als Seltsamkeit, über die niemand Macht hatte.

Der Verlust des angestammten Landes und die Nachfrage der Weißen nach Pelzen und anderen Gütern zerstörte im 19. Jh. rasch die traditionellen indianischen Wirtschaftssysteme. So waren die Indianer zunehmend dazu verurteilt, für einen Hungerslohn in der Baumwollindustrie zu arbeiten.

Jedoch mußte nicht jede Indianernation den Niedergang ihrer traditionellen Ökonomie mitansehen. Die Völker der Nordwestküste hatten nach wie vor Zugang zu den Reichtümern des Meeres, und die Navajo verwandelten ihre Länderein in ein reiches Agrargebiet für Rinder, Schafe und eine Vielzahl von Getreidearten. Vielen Völkern der Wälder und der Palins blieb jedoch lediglich die Wahl, sich entweder anzupassen oder zu verhungern.

Im Jahre 1934 wurde die amerikanische Regierung dieser Situation gewahr und verabschiedete den Indian Reorganization Act (IRA). dieses Gesetz gestattete den Indianernationen eine gewisse Selbstverwaltung. Sie erhielten die Möglichkeit, als Kollektiv zu agieren, um Darlehen zu erhalten oder Geschäfte abzuwickeln. Langsam und in feindlicher Atmosphäre begannen die Indianer, neue ökonomische Grundlagen zu entwickeln, die mit der sie umgebenden weißen Gesellschaft konform ging.

Heute kommt dem Geschäftsleben ein bedeutender Teil beim Wiederaufleben indianischen Selbstvertrauens und Stolzes zu. Auch das Kunsthandwerk hat expandiert und arbeitet nunmehr straff kommerzialisiert. Die Arbeitslosigkeit unter Indianern ist jedoch nach wie vor hoch und beläuft sich in manchen Reservaten auf knapp 90 Prozent. Diese Situation wird sich erst dann ändern, wenn es genügend indianische Fachleute, ausgebildete Techniker und Unternehmer gibt, die die uneingeschränkte Kontrolle über ihre eigene Ökonomie ermöglichen.

Der erfolgreichste indianische Geschäftszweig sind die Casinos. Das organisierte Glücksspiel ist in den meisten Staaten verboten; die quasi autonomen Reservate stehen jedoch außerhalb der staatlichen Gesetze. So können sie eine hochrentable Glücksspielindustrie aufziehen. Eines der größten Casinos befindet sich in der Mashintuquet-Pequot-Reservation im Südosten Connecticuts. Neben Spieltischen, Bingo und unzähligen Spielautomaten verfügt das Casino über ein Theater mit 1.500 Sitzen, Spezialitätenläden und Restaurants. Sogar ein Hotelbetrieb gehört dazu. Der Geschäftserfolg wird indianischen Traditionen folgend auf die Gemeinden der Reservation aufgeteilt. Einige Stämme ziehen es vor, ihre Einkünfte auf einer Pro-Kopf-Basis zu verteilen; andere setzen auf langfristige Konzepte und verwenden die Fonds, um die Stammesinfrastruktur zu verbessern.

Cherokee Phoenix Zeitungen

Seit der Gründung der ersten indianischen Zeitung, The Cherokee Phoenix 1828, bemühen sich die Indianer unablässig, auf ihr Bedürfnis nach verläßlichen und ausgewogenen Nachrichten- und Informationsquellen aufmerksam zu machen. Zu den Publikationen gehören stammesübergreifende Zeitungen wie das auflagenstärkste Blatt “Indian Country Today” und “The Native Voice”, die 1995 gegründet wurde. Auf Stammesebene zirkulieren Mitteilungsblätter wie der “Cherokee Messenger”, der von der Cherokee Cultural Society von Housten, Texas, herausgegeben wird, und die “Akwesasne Notes”, das vierteljährlich erscheinende Magazin der Kahniakehaka (Mohawks) der Staaten New York, Ontario und Quebec.

 

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