SUNDAY, APRIL 30, 2017

Wounded Knee – Ende der Freiheit



TotenpfahlAm 15. Dezember 1890 wurde Sitting Bull von Polizisten heimtückisch ermordet, weil er sich seiner Verhaftung durch die Agentur in Standing Rock, im Auftrag der Regierung, widersetzte. Angeblich solle er die Geistertänzer unterstützt haben.
Der Tod des großen Häuptlings verhieß neue Schwierigkeiten. Viele Geistertänzer flohen; einige suchten Unterschlupf bei Big Foots Miniconjou-Lakota am Cheyenne River. In der Hoffnung, bei den Oglala des einflußreichen Chief Red Cloud in der Agentur Pine Ridge Sicherheit zu finden, hetzten sie gemeinsam über 200 Kilometer über die Prärie und Badlands.

Big Foot, der eine Lungenentzündung hatte, die sich unterwegs noch verschlimmerte, wurde in einem offenen Wagen mitgenommen. Kurz vor dem Ziel wurden die frierenden, hungrigen und erschöpften Flüchtlinge von der Siebten Kavallerie – der früheren Einheit Custers – abgefangen und zum Chankpe Opi Wakpala (Wounded Knee Creek) auf der Pine Ridge Reservation gebracht.

Dort wurden sie am Morgen des 29. Dezember 1890 von den Soldaten umstellt und aufgefordert, ihre Waffen abzugeben. Auf einem Hügel oberhalb der umzingelnden Indianer stellten die Soldaten vier Hotchkiss-Geschütze auf, die sie auf Big Foots Volk richteten.
Plötzlich ertönte ein einzelner Schuß, der sich versehentlich aus dem Gewehr eines Indianers löste. Die in Panik geratenen Soldaten feuerten sofort los. Viele der Sioux durchbrachen schreiend die Linien der Soldaten und suchten Schutz in den Schluchten. Die Truppen jagten ihnen nach und feuerten auf alles, was sich bewegte. Dort, wo die Indianer ursprünglich umstellt worden waren, lagen Big Foot, Dutzende Mitglieder seines Volkes sowie Soldaten tot auf der Erde. Viele der Weißen waren im Kreuzfeuer ihrer Kameraden gefallen.
Eine Frau wurde mit ihrem Säugling niedergeschossen; das Kleine wußte nicht, daß seine Mutter tot war, und saugte noch an ihrer Brust. Nachdem fast alle getötet waren, wurden jene aufgefordert, die nicht tot oder verwundet waren, aus ihren Verstecken herauszukommen, sie hätten nichts zu befürchten. Kleine Jungen verließen ihr Versteck, und sobald sie in Sichtweite kamen, wurden sie von den Soldaten umringt und niedergemäht.

Obwohl der eigentliche Angriff nur etwa zwanzig Minuten dauerte, waren noch ein oder zwei Stunden lang immer wieder Schüsse zu hören – immer dann, wenn die Soldaten ein Lebenszeichen sahen. Indianerfrauen und ihre Kinder flüchteten in die Schlucht nach Süden, und einige rannten weiter über die Prärie, aber die Soldaten verfolgten sie und schossen sie unbarmherzig nieder.

 

Bei Sonnenuntergang wurde es bitter kalt. Nach Einbruch der Dunkelheit trafen in der Agentur Kavalleristen mit einem langen Zug von Militärwagen ein, auf denen die toten und verwundeten Indianer von Wounded Knee lagen. Die verletzten Weißen wurden zur medizinischen Behandlung ins Lazarett gebracht, aber neunundvierzig verwundete Sioux-Indianerfrauen und – Kinder ließ man auf offenem Wagen draussen in der eisigen Kälte liegen. Schließlich wurden sie in die Kirche der Agentur getragen, wo sie schweigend auf dem Boden unter der Kanzel lagen, über der ein Tuch mit den Worten hing:

FRIEDE AUF ERDEN UND DEN MENSCHEN EIN WOHLGEFALLEN

Eine unverletzte ältere Indianerin hielt ein Baby auf dem Schoß, jemand reichte ihr eine Tasse Wasser für das Kind und es griff danach, als sei es am Verdursten. Als es gierig schluckte, schoß das Wasser in einem blutigen Strom aus einem Loch im Hals des Kindes wieder hervor.
Draußen am Wounded Knee begann es zu stürmen, und dann folgte ein Schneesturm, so daß die Leichen der abgeschlachteten Indianer drei Tage lang liegenblieben, steifgefroren an der Stelle, wo sie gefallen waren. Schließlich wurden sie in einem riesigen Graben, der direkt auf dem Schlachtfeld ausgehoben wurde, beerdigt.

Der friedfertige Häuptling Big Foot und fast 350 Angehörige seiner Stammesgruppe waren tot, und somit auch die letzten Reste Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Das Massaker an den Sioux bei Wounded Knee, zwei Jahre vor der Vierhundertjahrfeier von Kolumbus´ Landung, war der erschütternde Schlußpunkt zu der langen Eroberungsgeschichte des heute als Vereinigte Staaten bekannten Landes durch den weißen Mann. Die Verheißungen von Wovokas Religion gingen mit den Toten von Wounded Knee unter.

In dem Rauch und der Agonie des Massakers bei Wounded Knee an jenem Morgen des 29. Dezember 1890 starben bei den indianischen Nationen Nordamerikas die letzten Reste der Hoffnung auf Freiheit. In der Nacht deckten Schneeflocken langsam die Toten zu. Es war das Ende einer langen Geschichte von Träumen und Drama und Mut, einer Geschichte von vielen verschiedenen Völkern mehrerer hundert indianischer Nationen, die in Mythen und Schatten begonnen hatte, als die Menschen gerade erschaffen worden und noch jung waren, vor fünfzehntausend oder mehr Jahren …

Die Eindringlinge betrachteten die Eroberung des amerikanischen Westens als abgeschlossen. Ihre Angriffe auf die indianische Kultur – und der Widerstand dagegen – sollten jedoch fortdauern.

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