MONDAY, JUNE 26, 2017

Häuptling Seattles berühmte Rede



IndianerhaueptlingSeattle, (1786 – 7.6.1866), auch als Sealth bekannt, war der Häuptling des kleinen Stammes der Duwamish im heutigen US-Bundesstaates Washington. Er war der Sohn des Suquamish-Häuptlings Schweabe, dessen Volk die Inseln im Pugetsund im Nordwesten des Bundesstaates Washington bewohnte. Seine Mutter Scholitza war die Tochter eines Duwamish-Häuptlings. Da die Erbfolge der mütterlichen Linie folgt, war Seattle ein Duwamish.

Als junger Krieger war er berühmt für seinen Mut, seine Kühnheit und seine Führungseigenschaften. Als junger Häuptling brachte Seattle sechs der in dieser Region verbreiteten Stämme unter seine Herrschaft. Über die Jahre pflegte er die von seinem Vater begründeten freundschaftlichen Beziehungen mit den dort lebenden Weißen und setzte sich für ein friedliches Nebeneinander- und Zusammenleben zwischen Indianern und Amerikanern ein. 1830 wurde er von katholischen Missionaren getauft. 1855 schloß er mit dem Gouverneur des Territoriums Washington einen Vertrag, der seinem Stamm eine kleine Reservation zuwies. Aus diesem Anlaß heilt Seattle eine berühmt gewordene Rede, die ihn zum “Urgroßvater der ökologischen Bewegung” erhob. 1890 erhielt die Hauptstadt des Bundesstaates seinen Namen, und es wurde ein Monument an seinem Grab errichtet. Seattles Berühmtheit konnte seinen Stamm nicht retten; er verschwand im Jahre 1910.

Häuptling Seattle hat seine heute berühmte Rede wahrscheinlich an Issac I. Stevens, den neuen Gouverneur und für die Washington Territories zuständigen Verwaltungsbeamten für Indianische Angelegenheiten, gerichtet. Die meisten Historiker sind der Auffassung, daß die Rede im Dezember 1854 gehalten wurde, als Stevens sich auf einer vorbereitenden Exkursion zu jenen Stämmen befand, die er in Reservationen zu zwingen beabsichtigte.

Die erste gedruckte Fassung der Rede stammt von Dr. Henry Smith, der sie auch aufzeichnete, und erschien am 29. Oktober 1887 im Seattle Sunday Star in einem mit »Frühe Erinnerungen – Tagebuchaufzeichnungen« überschriebenen Artikel. Diese Rede kleidet Seattles Aussagen in die blumige Sprache des viktorianischen Zeitalters und offenbart damit eher Smiths Herkunft als die des Häuptlings. Nach Gesprächen mit den Stammesältesten im Jahre 1982 sahen Mitglieder des Suquamish-Museums Smiths Fassung als die genaueste Wiedergabe der Rede an.
Ende der sechziger Jahre überarbeitete William Arrowsmith, Professor für klassische Literatur an der Universität von Texas, Smiths Fassung und verwendete dabei die Sprache und Ausdrucksform, die zu Seattles Zeit bei den Stämmen dieser Region üblich waren. Durch Gespräche mit deren Ältesten konnte Arrowsmith ein tieferes Verständnis der von ihnen verwendeten Syntax entwickeln.

Fassung 1 – Dr. Henry Smith

Jener Himmel, der barmherzige Tränen weint

Jener Himmel, der seit unddenklichen Zeiten barmherzige Tränen auf unsere Väter weint und der uns ewig dünkt, könnte sich wandeln. Heute noch klar, könnte er morgen von Wolken bedeckt sein. Meine Worte sind wie Sterne, die niemals untergehen. Den Worten Seattles kann der Große Häuptling Washington vertrauen, mit ebensolcher Gewißheit, wie unsere bleichgesichtigen Brüder auf die Wiederkehr der Jahreszeiten bauen können.
Der Sohn des weißen Häuptlings sagt, sein Vater sende uns Grüße der Freundschaft und Zeichen seines guten Willens. Das ist freundlich, denn wir wissen daß er umgekehrt unsere Freundschaft kaum bedarf, denn sein Volk ist zahlreich. Es ist wie das Gras der weiten Prärien, während wir nur wenige zählen und den vereinzelten Bäumen in der windgepeitschten Ebene gleichen.
Der große und wie ich annehme, gute weiße Häuptling gibt uns Nachricht, daß er unser Land kaufen, uns aber genug davon lassen will, daß wir ein angenehmes Leben führen können. Das scheint wirklich großzügig, denn der rote Mann hat keine Rechte mehr, die jener achten müßte, und auch klug scheint das Angebot zu sein, da wir nicht länger eines großen Landes bedürfen.

Es gab eine Zeit, da wir das ganze Land bevölkerten, wie die Wellen das windgekräuselten Meeres über den muschelbesäten Grund rollen. Doch diese Zeit ist längst vorgangen, und mit ihr schwand die Größe nun fast vergessener Stämme. Ich will unseren vorzeitigen Niedergang nicht betrauern, noch will ich meine bleichgesichtigen Brüder tadeln, daß sie ihn beschleunigt haben, denn irgendwie tragen auch wir Schuld.
Wenn unsere jungen Männer erzürnen über tatsäsliches oder scheinbares Unrecht und ihre Gesichter mit schwarzer Bemalung entstellen, dann werden auch ihre Herzen entstellt und schwarz, und ihre Grausamkeit ist unerbittlich und kennt keine Grenzen, und unsere Alten können sie nicht mehr zurückhalten.

Aber wir wollen hoffen, daß die Feindseligkeiten zwischen dem roten Mann und seinen bleichgesichtigen Brüdern nie wieder aufflammen. Wir hätten alles zu verlieren und nichts zu gewinnen.
Es ist wahr, daß für unsere jungen Krieger die Rache eine Genugtuung ist, auch wenn sie mit dem Leben bezahlt werden muß, aber wir alten Männer, die in Zeiten des Krieges daheim bleiben, und die alten Frauen, die Söhne zu verlieren haben, wissen es besser.
Unser großer Vater Washington – denn ich nehme an, er ist nun unser wie euer Vater, seit George seine Grenzen nach Norden verlegt hat -, unser großer und guter Vater also gibt uns die Nachricht durch seinen Sohn, der zweifellos unter den Seinen ein großer Häuptling ist, daß er uns beschützen wird, wenn wir seinem Wunsch folgen. Seine mutigen Heere werden uns eine waffenstarrende Schutzmauer sein, und seine großen Kriegsschiffe werden dicht an dicht in unseren Häfen liegen, so daß unsere alten Feinde hoch im Norden, die Tsimshians und Haidas, unsere Frauen und Alten kein Schrecken mehr sein werden. Dann wird er unser Vater und wir seine Kinder sein.

Aber kann das jemals sein? Euer Gott liebt euer Volk und haßt meines; er hält den weißen Mann liebevoll in seinen starken Armen und leitet ihn wie ein Vater seinen kleinen Sohn, doch seine roten Kinder hat er verlassen; er läßt euer Volk täglich kräftig wachsen, und bald wird es über das Land fluten, während mein Volk verebbt wie eine rasch zurückgehende Tide, die niemals wieder ansteigt. Der Gott des weißen Mannes kann seine roten Kinder nicht lieben, sonst würde er sie beschützen.
Sie scheinen Waisen zu sein, nirgends können sie Hilfe suchen. Wie können wir da Brüder werden? Wie kann euer Vater unser Vater werden und uns Wohlstand bescheren und in uns Träume von neuer Größe wecken?
Euer Gott scheint uns voreingenommen. Er erschien dem weißen Mann. Wir sahen ihn nie. Wir hörten nicht einmal seine Stimme: Dem weißen Mann gab er Gebote, aber für seine roten Kinder, mit denen dieser weite Kontinent übersät war wie das Firmament von den Sternen, hatte er kein einziges Wort.

Nein, wir sind zwei verschiedene Rassen und müssen es immer bleiben. Wir haben wenig gemeinsam. Die Asche unserer Ahnen ist uns heilig, ihre letzte Ruhestätte heiliger Boden, während ihr euch anscheinend ohne Kummer von den Gräbern eurer Väter entfernt.
Eure Religion schrieb ein zürnender Gott mit eisernem Finger auf Steintafeln, damit ihr sie nicht vergeßt. Der rote Mann könnte sich nie an sie erinnern noch sie verstehen.

Unsere Religion ist die Überlieferung unserer Ahnen, sind die Träume unserer Alten, die ihnen der Große Geist gab, sind die Visionen unserer Friedenshäuptlinge, und sie ist geschrieben in die Herzen unseres Volkes.
Eure Toten lieben euch und die Stätten ihrer Herkunft nicht mehr, sobald sie ihre Gräber aufgesucht haben. Sie wandeern weit hinaus jenseits der Sterne, sind bald vergessen und kehren niemals wieder. Unsere Toten vergessen nie die schöne Welt, die ihnen ihr Dasein beschert hat. Sie lieben immer noch die sich schlängelnden Flüsse, die gewaltigen Berge und die abgelegenen Täler, fühlen sich stets voll Zärtlichkeit zu den einsamen Lebenden hingezogen und kehren oft wieder, um sie aufzusuchen und ihnen Trost zu spenden.
Tag und Nacht können nicht nebeneinander verweilen. Der rote Mann ist vor dem nahenden weißen Mann stets geflohen wie die an der Bergflanke wallenden Nebel vor der glühenden Morgensonne fliehen.
Wie auch immer, euer Vorschlag scheint gerecht, und ich denke, mein Volk wird ihn annehmen und sich in die Reservation zurückziehen, die ihr ihm anbietet, und wir werden dort für uns und friedlich leben, denn die Worte des großen weißen Häuptlings klingen wie die Stimme der Natur, die zu meinem Volk spricht aus schwarzer Nacht, die uns rasch umhüllt wie dichter, landeinwärts ziehender Nebel von der mitternächtlichen See. Es zählt kaum. wo wir unsere letzten Tage verbringen.

ES SIND NICHT VIELE.
Die Nacht des Indianers verspricht schwarz zu werden. Kein heller Stern schwebt über dem Horizont. Von Fern klagt der Wind mit trauriger Stimme. Den roten Mann scheint eine grimmige Vergeltung seiner Rasse zu ereilen, und wo immer er sich auch hinwenden mag, er wird stets den festen Tritt des fürchterlichen Verfolgers hinter sich hören, wie die verwundete Hirschkuh die nahenden Schritte des Jägers hört, und sich seinem Schicksal fügen. Noch einige Monde, noch einige Winter, und nicht einer aus den mächtigen Scharen, die einst dieses weite Land bevölkerten oder die nun in gelichteten Reihen durch die einsamen Weiten ziehen, nicht einer von ihnen wird übrigbleiben, um an den Gräbern eines Volkes zu weinen, das einst so mächtig und hoffnungsvoll wie eures war.
Doch warum sollten wir hadern? Warum sollte ich über das Schicksal meines Volkes murren? Ein Stamm setzt sich aus einzelnen zusammen und ist als Ganzes nicht besser als diese. Menschen kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Eine Träne, ein Tamanawus, ein Klagegesang, und sie sind unserem sehnsuchtsvollen Blick für immer entschwunden. Sogar der weiße Mann, dessen Gott mit ihm gewandelt ist und mit ihm gesprochen hat, als Freund zum Freunde, kann dem Schicksal aller nicht entrinnen. Vielleicht sind wir doch Brüder. Wir werden sehen.

Wir werden nachdenken über euren Vorschlag, und wenn wir uns entschieden haben, werdet ihr es erfahren. Aber sollten wir ihn annahmen, so mache ich schon hier und heute dieses zur ersten Bedingung: daß uns nicht verwehrt wird, auf unseren Wunsch und ohne belästigt zu werden, die Gräber unserer Ahnen und Freunde aufzusuchen. Jeder Teil dieses Landes ist meinem Volk heilig. Jeder Berg, jedes Tal, jede Ebene, jeder Hain wird durch eine liebe Erinnerung oder ein trauriges Erlebnis meines Stammes heilig.

Selbst die Felsen, die scheinbar stumm in glühender Hitze die stille Küste säumen, feierlich und erhaben, sogar sie erschauern vor der Erinnerung an Vergangenes, das mit dem Schicksal meines Volkes verbunden ist, und selbst der Staub unter euren Füßen antwortet unseren Schritten liebevoller als euren, denn es ist die Asche unserer Ahnen, und unsere bloßen Füße spüren ihre sanfte Berührung, denn der Boden ist erfüllt vom Leben unseres Verwandten.

Die finsteren Krieger, die liebevollen Mütter und frohgemuten Jungfrauen, die kleinen Kinder, die einst hier lebten und beglückt waren und deren Namen nun vergessen sind, sie lieben diese Einöden immer noch, deren tiefe Abendfarben in der Gegenwart dunkler Geister schattengrau werden. Und wenn der letzte rote Mann von der Erde verschwunden und die Erinnerung des weißen Mannes an ihn zur Legende geworden ist, dann werden diese Gestade übervoll sein von den unsichtbaren Toten meines Stammes, und wenn eure Kindeskinder sich allein wähnen draußen auf dem Feld, in den Läden, auf der Strße oder in der Stille des Waldes, so werden sie nicht allein sein. Auf der ganzen Erde gibt es keinen Ort, welcher der Einsamkeit vorbehalten ist. Des Nachts, wenn die Straßen eurer Städte und Dörfer still daliegen, und ihr glaubt, sie seine verlassen, dann wimmeln sie vor den wiederkehrenden Scharen, die einst dieses Land bevölkerten und es immer noch lieben. Der weiße Mann wird niemals allein sein.
Möge er gerecht sein und mein Volk freundlich behandeln, denn die Toten sind nicht völlig machtlos.

 

Fassung 2 – Professor W. Arrowsmith

 

Meine Worte sind wie die Sterne

Brüder: Der Himmel hat sich unserer Väter viele hundert Jahre erbarmt. Er mutet uns unveränderlich an, doch er kann sich wandeln. Heute strahlt er. Morgen kann er von Wolken bedeckt sein.
Meine Worte sind wie die Sterne. Sie gehen niemals unter. Auf Seattles Worte kann sich der Große Häuptling Washington genauso verlassen wie unsere weißen Brüder auf die Wiederkehr der Jahreszeiten.
Der Sohn des Weißen Häuptlings sagt, sein Vater sende uns Worte der Freundschaft und des guten Willens. Das ist freundlich von ihm, denn wir wissen, daß er seinerseits unsere Freundschaft kaum braucht. Sein Volk ist zahlreich, wie das Gras der Prärien. Mein Volk zählt nur wenige, wie die vom Sturm im Grasland ausgesäten Bäume.

Der große – und gute, wie ich glaube – Weiße Häuptling gibt uns Nachricht, daß er unser Land kaufen möchte. Aber er will genug davon für uns vorsehen, damit wir ein angenehmes Leben führen können. Das scheint großzügig, denn der rote Mann hat keine Rechte mehr, die zu achten wären. Es mag auch klug sein, denn wir brauchen kein großes Land mehr. Einst haben wir dieses Land bevölkert, wie Meereswellen mit dem Wind über die muschelbesäten Untiefen spülen. Aber diese Zeiten sind vorbei und mit ihr die Größe der nun fast vergessenen Stämme.

Aber ich will weder über das Ende meines Volkes trauern, noch unseren weißen Brüdern die Schuld dafür geben. Vielleicht tragen auch wir einen Teil der Schuld. Wenn unsere jungen Männer über ein Unrecht zornig werden, sei es wirklich oder vermeintlich, entstellen sie ihre Gesichter mit schwarzer Bemalung. Dann sind auch ihre Herzen schwarz und häßlich. Sie sind hart, und ihre Grausamkeit kennt keine Grenzen. Und unsere Alten können sie nicht zurückhalten.
Wir wollen hoffen, daß die Kriege zwischen dem roten Mann und seinen weißen Brüdern nie wieder aufflammen. Wir hätten alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Für junge Krieger ist Rache eine Genugtuung, auch wenn sie ihr Leben dabei verlieren. Aber die Alten, die in Kriegszeiten zurückbleiben, Mütter, die Söhne zu verlieren haben – sie wissen es besser.

Unser großer Vater Washington – denn er muß nun unser wie euer Vater sein, seit George seine Grenzen nach Norden verlegt hat -, unser großer und guter Vater gibt uns Nachricht durch seinen Sohn, der unter den Seinen gewiß ein großer Häuptling ist, daß er uns beschützen will, wenn wir tun, was er will. Seine tapferen Soldaten werden meinem Volk eine Schutzmauer sein, unsere Häfen werden voll von seinen großen Kriegsschiffen sein. Dann werden unsere alten Feinde im Norden – die Haidas und Tsimshians – unsere Frauen und Alten nicht mehr ängstigen. Dann wird er unser Vater, wir seine Kinder.

Aber kann das jemals sein? Euer Gott liebt euer Volk und haßt meines. Er schließt den weißen Mann in seine starken Arme und führt ihn an der Hand, wie ein Vater seinen kleinen Jungen führt. Seine roten Kinder hat er verlassen. Er läßt euer Volk täglich stärker werden. Bald wird es das ganze Land überschwemmen. Aber mein Volk ist wie die Ebbe, wir werden nicht wiederkehren. Nein, der Gott des weißen Mannes kann seine roten Kinder nicht lieben, er würde sie sonst beschützen. Wir sind nun Waisen. Es gibt niemanden, der uns helfen kann.
Wie können wir also Brüder sein? Wie kann euer Vater unser Vater sein, uns gedeihen lassen und uns Träume von künftiger Größe senden? Euer Gott ist voreingenommen. Zum weißen Mann kam er. Wir haben ihn nie gesehen, nicht einmal seine Stimme vernommen. Er gab dem weißen Mann Gebote, aber für seine roten Kinder, die einst dieses Land bevölkerten so zahlreich wie die Sterne am Himmel, hatte er kein Wort übrig.

Nein, wir sind verschiedene Rassen, und wir müssen es bleiben. Wir haben wenig gemeinsam.
Uns ist die Asche unserer Väter heilig. Ihre Gräber sind heiliger Boden. Ihr aber seid Streuner, ihr laßt die Gräber eurer Väter zurück und denkt nur an euch selbst. Eure Religion ritzte der eiserne Finger eines zornigen Gottes in Steintafeln, damit ihr sie nicht vergeßt. Der rote Mann könnte sie nie verstehen oder behalten. Unsere Religion, das sind die Bräuche unserer Vorväter, die Träume unserer Alten, die ihnen der Grße Geist gesandt hat, und die Visionen unserer Friedenshäuptlinge. Und sie ist in die Herzen unseres Volkes geschrieben. Eure Toten vergessen euch und das Land ihrer Geburt, sobald sie ins Jenseits treten und unter den Sternen wandeln. Sie sind rasch vergessen und kehren nicht wieder.
Unsere Toten vergessen nie diese schöne Erde. Sie ist ihre Mutter. Sie lieben und gedenken stets ihrer Flüsse, ihrer Gebirge, ihrer Täler. Sie sehnen sich nach den Lebenden, die auch einsam sind und sich nach den Toten sehnen. Und oft kehren ihre Geister zurück, um uns aufzusuchen und uns zu trösten.

Tag und Nacht können nicht nebeneinander weilen. Der rote Mann ist stets vor dem nahenden weißen Mann zurückgewichen wie die wallenden Nebel am Berghang vor der glühenden Morgensonne.
Nein, Tag und Nacht können nicht nebeneinander weilen. Der rote Mann hat sich stets vor dem vordringenden weißen Mann zurückgezogen, wie die Nebel am Berghang vor der Morgensonne.

Euer Angebot scheint fair zu sein, ich glaube, mein Volk wird es annehmen und in das von euch angebotene Reservat gehen. Wir werden dort für uns und friedlich leben. Denn die Worte des großen weißen Häuptlings sind wie die Worte der Natur, gesprochen zu meinem Volk auf tiefer Dunkelheit – einer Dunkelheit, die um uns heraufzieht wie die Nebel, die von der mitternächtlichen See kommen.

Es ist nicht so wichtig, wo wir unsere letzten Tage verbringen. Es sind nicht mehr viele. Die Nacht der Indianer wird schwarz. Kein heller Stern wird in der Ferne leuchten. Der Wind ist traurig. Den roten Mann ereilt das Verhängnis. Wohin er auch geht, er wird die sich nähernden Schritte seines Zerstörers vernehmen und darauf gefaßt sein zu sterben wie die verwundete Hirschkuh, die die Schritte des Jägers hört.

Noch wenige Monde, noch wenige Winter, und keines der Kinder der großen Stämme, die einst in dieser Weite lebten oder nun in kleinen Scharen durch die Wälder ziehen, wird noch leben, um an den Gräbern eines Volkes zu trauern, das einst so mächtig und hoffnungsvoll wie eures war.
Doch warum sollte ich um mein untergehendes Volk trauern? Ein Stamm setzt sich aus einzelnen zusammen, aus nichts anderem. Menschen kommen und gehen, wie die Wellen des Meeres. Eine Träne, ein Gebet an den Großen Geist, ein Klagegesang, und sie sind für immer unserem sehnenden Blick entschwunden. Sogar der weiße Mann, dessen Gott unter ihnen wandelte und mit ihnen sprach als Freund zu Freunden, selbst er kann dem Schicksal aller nicht entrinnen. Vielleicht sind wir doch Brüder. Wir werden sehen.

Wir werden über euer Angebot nachdenken. Wenn wir uns entschieden haben, werden wir es euch wissen lassen. Sollten wir es annehmen, stelle ich hier und jetzt diese Bedingung: daß uns nicht das Recht verwehrt wird, jederzeit die Gräber unserer Ahnen und Freunde zu besuchen.
Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig. Jeder Berg, jedes Tal, jede Lichtung, jeder Wald ist in der Erinnerung und Erfahrung meines Volkes heilig. Selbst der stumme Felsen der Küste hallen wider von den Ereignissen und Erinnerungen im Leben meines Volkes. Der Boden unter euren Füßen antwortet liebevoll auf unsere Schritte als auf eure, denn er ist die Asche unserer Vorväter. Unsere bloßen Füße fühlen die Vertrautheit. Die Erde ist erfüllt vom Leben der Unseren.

Die jungen Männer, die Mütter, die Mädchen, die kleinen Kinder, die einst hier glücklich lebten, sie alle lieben diese einsamen Orte immer noch. Abends verdunkeln sich die Wälder in der Gegenwart der Toten. Wenn der letzte rote Mann von der Erde verschwunden ist und sich die Weißen an ihn nur noch erinnern, wie man sich an eine Geschichte erinnert, dann werden diese Gestade noch von den unsichtbaren Toten meines Volkes wimmeln. Und wenn eure Kindeskinder sich allein glauben in Forst und Feld, in den Geschäften, auf den Straßen oder der Stille der Wälder, dann werden sie nicht allein sein. Es gibt keinen Ort in diesem Land, wo ein Mensch allein sein kann. Nachts, wenn die Straßen eurer Städte und Dörfer still sind und ihr glaubt, sie seien verlassen, dann drängen sich dort die wiederkehrenden Geister derer, die sie einst bevölkerten, und sie werden diese Orte immer noch lieben. Der weiße Mann wird nie allein sein.
So möge er gerecht und freundlich mit meinem Volk umgehen. Auch Tote besitzen Macht.

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