MONDAY, JUNE 26, 2017

AIM – American Indian Movement



Mit der Gründung des American Indian Movement (AIM) im Jahre 1968 trat die Politik der Indianer in den USA in eine neue Phase ein. Die Gründung dieser Dachorganisation (die Gründer waren Dennis Banks, Clyde Bellecourt und George Mitchell) für Indianer sowohl in den Städten als auch in den Reservationen erfolgte mit dem Ziel, die verschiedensten bestehenden Organisationen zusammenzuführen, um so die Schlagkraft indianischer Politik zu erhöhen.
Mit dem Zusammenschluß ist zugleich eine Änderung der Organisationsform verbunden. In der neuen Bewegung soll nicht mehr paternalistisch für das indianische Volk entschieden werden. Die Entscheidungsprozesse sollen von unten nach oben, von der Basis zur Spitze der Pyramide verlaufen.

Minneapolis, wo AIM ins Leben gerufen wurde, war das Ziel von Indianern aus rund zwanzig Reservaten in Wisconsin, Minnesota, North und South Dakota, die besonders kraß unter den schwierigen ökonomischen Verhältnissen zu leiden hatten. Die Zuwanderer waren meist Angehörige der verschiedenen Dakotastämme (Sioux) oder Ojibwa (Chippewa).

Nach dem Vorbild schwarzer Bürgerrrechtskämpfer forderten sie von dem 1968 in Detroit tagenden National Council of Churches einen Betrag in Höhe von 750 Millionen Dollar für den Verlust indianischen Landes, ein Betrag, der sich mehr an die damalige Forderung der Schwarzen orientierte als an die ihnen wirklich entstandenen Gebietsverluste.

Der kirchliche Krisenfond, der die ethnischen Minoritäten des Landes schon mehrfach finanziell unterstützt hatte, bewilligte einen Betrag, der jedoch weit unter den Forderungen der Indianer lag. Angespornt von diesem Anfangserfolg einer ersten gemeinsam auftretenden Indianischen Organisation, stellte das AIM weitere Forderungen zunächst an Kirchenorganisationen, dann an verschiedene Bundesbehörden und schließlich an die eigenen Stammesräte, die von ihnen nicht als die legitimen Führer der Stämme anerkannt wurden, weil sie auf Geheiß Washingtons gewählt und nicht von den traditionellen Führern gestellt waren.

Das AIM fand hauptsächlich in den Reservaten der genannten Gruppen starken Widerhall, denn die Konfrontationstaktik dieser Organisation zeigte sich bei der Aufdeckung von Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten seitens amerikanischer Behörden gegenüber den Indianern als erfolgreich. Die wachsende Anhängerschaft des AIM hatte zur Folge, daß die sich mit indianischen Angelegenheiten befassenden Behörden und Organisationen unter Umgehung der gemäßigten Stammesräten direkt mit den Führern des AIM-Zirkels verhandelten.
AIM besteht heute aus etwa 79 Untergruppen. “Die Untergruppen”, so heißt es in einer Verlautbarung des AIM, “sind es, die der nationalen Führung die vorrangigen Anliegen des Indianer aufzeigt und die Ziele diktieren. Im Rahmen einer langfristigen Strategie schaffen und leiten die nationalen Führer das AIM zur Durchsetzung dieser Anliegen.”

In allen Teilen der USA und auch in Kanada gewann AIM rasch an Boden. Bis zum November 1972 hatte AIM bei 150 verschiedenen indianischen Demonstrationen mitgewirkt. AIM ist nach der Tradition der Indianer nicht nur eine politische, sondern zugleich eine geistige Bewegung. In den Worten von Kills Straight, einem Oglala-Sioux von Pine Ride:

Die Mitglieder des AIM reinigen sich von innen. Viele sind zu den alten Religionen ihrer Stämme zurückgekehrt, fort von den wirren Ideen einer Gesellschaft, die sie zu Sklaven ihrer eigenen richtungslosen Existenz machte. AIM ist in erster Linie eine geistige Bewegung, eine religiöse Wiedergeburt und eine Wiedergeburt indianischer Würde. AIM ist erfolgreich, weil sich seine Aktionen auf Glaubensüberzeugungen aufbaut. AIM versucht, die Realität der Vergangenheit mit den Versprechen der Zukunft zu verbinden

Eine der wichtigsten Zielsetzungen des AIM war von Anfang an, das Bureau of Indian Affairs (BIA) im Interesse der Mehrheit der Indianer zu verändern oder abzuschaffen. AIM weist immer wieder darauf hin, daß diese Unterabteilung des Innenministeriums mit 16.000 Angestellten und einem Jahresetat von 240 Millionen Dollar sich in der Hand bestimmter Interessengruppen befindet, außerordentlich korrupt ist und dem indianischen Volk in keiner Weise dient. Die Verschleuderung von Mitteln, krasse Fehlplanungen und die Zusammenarbeit mit bestimmten Vertretern der Großindustrie und weißen Gewerbetreibenden auf den Reservationen ist nach Meinung vieler Indianer wesentlich an den Lebensbedingungen und der Armut der Mehrheit der Indianer mitschuldig.

1972 organisierte AIM einen großen Protestzug aus verschiedenen Teilen der USA nach Washington D.C., den Trail of Broken Treaties (Pfad der gebrochenen Verträge). Dieser Protestzug, bei dem AIM-Führer der Regierung der Vereinigten Staaten in zwanzig Punkten ihre Forderung unterbreiteten, in dem u.a. gefordert wurde, daß die Indianer wieder das Recht erhielten, selbst Verträge abzuschließen (was ihnen seit 1871 verboten worden war) sowie die unter Zwang geschlossenen Verträge neu auszuhandeln, führte zu der bisher größten Konfrontation zwischen Indianern und der US-Regierung in vergangenen Jahrhundert. Der Protestzug gipfelte in einer sieben Tage langen Besetzung der Washingtoner Zentrale des BIA. Die amerikanische Regierung antwortete wie üblich mit einem unverhältnismäßigen Polizei- und Militäraufgebot, während sie sich in den Verhandlungen keine konkreten Zusagen abringen ließ.

Dennoch werteten die Indianer die Aktion als Erfolg. Sie zeigte ihre Entschlossenheit, als Volk weiter um ihre Rechte zu käpfen, und ermutigte viele vereinzelte oder resignierende Indianer, sich der Bewegung anzuschließen. Im Laufe der Besetzung wurde das Gebäude des Büros für indianische Angelegenheiten stark beschädigt. Als die Beamten nach der Vertreibung der Indianer zurückkehrten, stand an den Wänden u.a. folgende Botschaft:

Ich entschuldige mich nicht für die Trümmer noch für die sogenannte Zerstörung dieses Mausoleums, denn um Neues aufzubauen, muß erst das Alte zerstört werden. Wenn die Geschichte sich unserer Anstrengungen an diesem Ort erinnert, werden unsere Nachfahren mit Stolz erfüllt sein, wissend, daß ihr Volk verantwortlich für den Widerstand gegen die Tyrannei, die Ungerechtigkeit und die schreiende Schlamperei dieses Teils einer dekadenten Regierung war.

Die Reaktion des Stammesräte auf die gewalttätigen Maßnahmen des AIM war scharf ablehnend. Sie forderten sogar eine Bestrafung der Schuldigen. Was sie aber weit mehr in Gegensatz zu vielen ihrer Stammesgenossen brachte, war die unbegreifliche Ablehnung des 20-Punkte-Programmes, mit dem sich inzwischen die Mehrzahl aller Indianer identifiziert hatte.

Der Höhepunkt der Konfrontation zwischen dem AIM und dem BIA führte im März 1973 zu der Besetzung der kleinen Ortschaft Wounded Knee in South Dakota, die in der Geschichte der Teton-Dakota durch das 1890 von amerikanischen Truppen angerichtete Massaker eine schreckliche Berühmtheit erlangt hatte.

Der Vorsitzende des Stammesrates der Oglala, eines Unterstammes der Teton-Dakota, Richard Wilson, verkündete öffentlich, daß er alle Anhänger des AIM von der Reservation ausweisen wolle. Als Russel Means, Führer der Opposition gegen Wilson und einer der führenden Persönlichkeiten der AIM-Bewegung, von Wilsons Schlägertrupps angegriffen und zusammengeschlagen wurde, besetzte das AIM die Ortschaft Wounded Knee. Sie forderte die Absetzung von Wilson und die Erfüllung des 20-Punkte-Programms. Ihre drei Hauptforderungen waren:

  1. Die Ernennung einer Präsidialkommission durch das Weiße Haus, die in das Reservat kommen und direkt mit den traditionellen Häuptlingen und Führern des Stammes verhandeln sollte.
  2. Einhaltung des Vertrages von 1868 und die Abberufung der von der Regierung eingesetzten Marionettenführung der Pine Ridge und anderer Reservationen, die seit 1934 als ein Instrument zur systematischen Unterdrückung der Indianer benutzt wurde.
  3. Eine Prüfung der Geschäftsbücher des Stammes, um die gegen den von der Regierung eingesetzten Stammesvorsitzenden in Pine Ridge, Richard Wilson, erhobenen Anschuldigungen der Korruption und einer mit seiner treuhänderischen Pflichten unvereinbaren Geschäftsführungzu enthüllen.

Während der beiden Monate März und April 1973 war die Situation ziemlich verworren:

Wilson, als legal gewählter Stammesratsvorsitzender und Means als bekanntester und talentiertester Sprecher AIMs zählten beide eine große Zahl von Anhängern im Pine Ridge-Reservat und außerhalb desselben. Da eine der Forderungen des AIM auf die Einhaltung des Vertrages von 1868 (Vertrag von Laramie), der von den Amerikanern gebrochen worden war, zielte, fand das AIM zwar viele Mitstreiter, denen aber andererseits von einer fast ebenso starken Gruppe Widerstand entgegengesetzt wurde, die eine Stärkung des Stammesratsystems forderten und Wilson als ihren legitimen Führer ansahen, wobei es fragwürdig ist, ob das Demokratieverständnis der US-Amerikaner für die Indianer angemessen ist.

Die Bundesregierung, die von den konservativen Angehörigen des Stammesrates zum Sturm auf Wounded Knee aufgefordert wurde, entschloß sich nach einigen halbherzigen Versuchen, bei denen zwei Indianer getötet und ein Dutzend verwundet wurden, zu verhandeln.

Sie stimmte schließlich auch der Ernennung einer Präsidialkommission zu, die direkt mit den traditionellen Häuptlingen über den Vertrag von 1868 verhandeln sollten. Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung durch Vertreter des Weißen Hauss beendeten das AIM die Besetzung von Wounded Knee. Diese nachgebende Haltung brachte der Bundesregierung die Sympathien aller jener Indianer ein, die ein Blutvergießen scheuten. Als die Blagerung jedoch aufgehoben wurde, verhaftete man die AIM-Anführer und stellte sie vor Gericht, mit der Erklärung, “man habe entdeckt, daß das Weiße Haus nicht berechtigt sei, direkt mit den traditionellen Häuptlingen über den Vertrag von 1868 zu verhandeln. Es sei Sache des Kongresses, sich mit diesen Problemen zu befassen”. Im September 1974 wurden sie in erster Instanz freigesprochen.

Die weltweite Publizität, die die Ereignisse von Washington und Wounded Knee erlangten, wird hoffentlich die Bundesregierung zwingen, alle Verträge, die mit den Indianern abgeschlossen waren, zu überprüfen, zu revidieren oder Ersatzlösungen anzubieten. Andererseits hat sich für die Indianer gezeigt, daß sie sich eine gutorganisierte, stabile und moderne Selbstverwaltung schaffen müssen, um ihre Rechte auf juristischem Wege durchzusetzen, denn konkrete Entscheidungen können nur vom amerikanischen Kongreß, nicht vom Präsidenten gefällt werden.

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